Das ist der erste südkoreanische Fantasy-Roman, den ich lese, aber er erinnert mich an einen 1980er Jahre Actionfilm mit Charles Bronson in der Rolle des Waldläufers Bruce Aragorn Willis. Dazu kommt dann noch eine typische High Fantasy Welt, die der Autor und Fantasy-Kenner Yeong-Do Lee gemäß der zahlreichen Vorbilder baut. Darunter fallen Namen wie die Nibelungen Sage, Der Herr der Ringe und Die unendliche Geschichte. Der Plot wiederum hat etwas von einem typischen hard boiled Krimi oder Action-Thriller. 3 Leute sollen 1 Person von a nach b eskortieren und dabei eine Grenzregion durchlaufen. Dabei läuft nicht alles rund und es folgt eine Gewalt-Eskapade nach der anderen, wobei die Helden mal mit mehr, mal mit weniger Aufwand weiter ihren Weg von a nach b laufen. Immer mit dem Ziel, eine sehr vage und nebulöse Mission zu erfüllen, die wohl irgendwas mit Weltrettung oder Veränderung des Status Quo der Zivilisation zu tun hat. Ein wenig erinnert das Ganze an große Videospiele, die heutzutage erscheinen und wo kaum ein Spieler sich ernsthaft für den tiefen Plot interessiert. Im gleichen Atemzug muss man aber festhalten, dass sich "Das Blut der Herzlosen", ein Roman von 2003, ziemlich gut hält. Man könnte auch sagen, der Roman sei zeitlos. Woran liegt das? Zunächst einmal ist da die klare und nüchterne Sprache. Wer poetische, blumige oder märchenhaft träumerische Phantasie erwartet, ist hier komplett falsch. Vielleicht liegt es an Kaygon Draka oder der Autor selbst mochte diesen lakonischen, trockenen Stil im Jahr 2003. Aber gerade durch diese Nüchternheit glänzt der Inhalt richtig, da er alle vertrauten Stereotype, Stoffe und Gewohnheiten auffährt, die ein Fantasy-Leser erwartet: exotisches worldbuilding (der Dschungel von Kiboren ist richtig cool), Gruppierungen mit Missionen, die gegeneinander intrigieren, Attentäter, Mörder, aggressive Kämpfer, seltsam kauzige Gestalten, aberwitziger Anime-Galgen-Humor. Alles dabei und man kommt als Fantasy-Fan voll auf seine Kosten. Lediglich das 'typisch Koreanische' muss man gezielt suchen. Das Nachwort klärt einen über die Dokebis auf, das koreanische Pendant zu unseren westlichen Kobolden, vergleicht die Naga-Gesellschaft im Süden der Welt ein wenig mit der Gesellschaft in Südkorea und macht deutlich, wie wichtig der Tiger als Symbol für Koreaner ist. Als westlicher Fantasy-Leser geht dieser Riesentiger sonst ein bisschen unter bei all den anderen Figuren. Selbst der Fantasy typische Drache mogelt sich irgendwann noch in die Handlung, einfach weil es geht. Während Kaygon Draka, seine beiden Helden-Gefährten und der Plot niemanden hinterm Ofenrohr hervorlocken, sorgen die Naga-Geschwister Ryun Pey und Samo Pey für das eigentliche Highlight. Mehr verrate ich nicht aus Spoiler-Schutz-Gründen. Aber die beiden Charaktere, ihre Gedanken und Handlungen machen den Roman erst so richtig lesenswert. Da es sich aber 'nur' um Teil 1 von insgesamt 4 Romanen handelt, gibt es das typische Fantasy-Problem mit der Exposition. Vielleicht wird die Story in den nächsten 3 Romanen episch und bringt viele wow Momente mit sich. Vielleicht ist es aber auch nur eine 0815 Standard-Geschichte. Von daher verbleibe ich erstmal bei 4 Sternen.
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