"Auf der dunklen Brücke sank ihr fahles Gesicht müde an meine Schulter, und der sagenhafte Schreck, der mich angesichts der Dreißig befallen hatte, erstarb unter dem tröstlichen Druck ihrer Hand. So fuhren wir durch das kühler werdende Zwielicht weiter auf den Tod zu." (Abschnitt 7, gegen Ende)
Wie so häufig bei Klassikern der Literatur ist auch "Der große Gatsby" ein Name, den man als Leser im Unterbewusstsein drin hat. Und das viele Jahre, bevor man es dann endlich liest. In diesem speziellen Fall weiß ich sogar, dass es zwei Romanverfilmungen gibt. Eine mit Robert Redford, die ich nie gesehen habe und die schick aussieht. Und eine weitere mit Leonardo DiCaprio und dem wunderbaren Song von Lana Del Rey "Young and Beautiful". Ebenfalls sehr schick und ebenfalls nie gesehen. Ich kann dafür nicht einmal einen gehaltvollen Grund angeben, da es schon vorgekommen ist, dass ich erst eine Buchverfilmung gesehen und erst hinterher das entsprechende Buch gelesen habe. Im Fall von "Der Herr der Ringe" war das sogar doppelt belohnend, weil Film und Buch beide von sehr hoher Qualität sind. Aber zurück zu Fitzgerald. Mein erster Berührungspunkt ist eine Anekdote aus Ernest Hemingway's posthum erschienenen Romanfragment "Paris, Ein Fest fürs Leben". Da kommen auch das Ehepaar Francis und Zelda drin vor, allerdings werden sie in keinem guten Licht porträtiert. Aber das war bislang nicht der Grund, der mich vom Lesen abgehalten hat. Ich habe sogar schon seit ein paar Jahren "Zärtlich ist die Nacht" hier in meinem Regal herumliegen und bereits das Nachwort mehrfach gelesen und mich ein wenig mit der Biographie von F. Scott Fitzgerald beschäftigt.
Meine Motivation, "Der große Gatsby" gerade jetzt zu lesen, liegt an zwei Gründen. Erstens: "Moby Dick" und "Der Distelfink" sind solche gigantischen Romane, dass ich die über Monate hinweg immer wieder in Stückchen lese, um sie auch mental verdauen zu können. Da kommt mir ein feiner Kurzroman gerade recht. Zweitens: Meine Ernüchterung beim Lesen von "Dracula" hat mir gezeigt, dass man keine allzu große Hochachtung und Anspannung vor bekannten Namen haben muss. Einfach mit der Brechstange drauf los und reinlesen und am Ende ist es vielleicht sowieso nur mittelmäßig. Das Leben ist kurz, wenn ein Roman nicht zündet, liest man eben was anderes. Und wie fantastisch ist es da bitte, dass "Der große Gatsby" einer von den Ausnahmefällen ist, in denen ein berühmter Titel sehr gut, wenn nicht sogar überragend gut geschrieben ist?
Der Kurzroman beginnt mit: "Als ich noch jünger und verwundbarer war". Da war mir schon klar, dass das hier entweder ein hochtrabender, prätentiöser Reinfall wird oder eben ein seltener Geniestreich. Zum Glück hat es sich ausnahmsweise mal in den Bereich genialer Text entwickelt. Das wiederum kam für mich aber nicht überraschend, weil in dem fantastischen "Gotham Writer's Workshop" Gatsby aus allen Winkeln analysiert wird. Charaktere, Szenen, Dialoge, Perspektive, selbst die Auswahl des Vokabulars, um diesen malerischen, poetischen, flirrenden 'jazz age' Effekt hinzubekommen, wurde dort Detail für Detail erklärt und veranschaulicht. Gerade, weil es sich um einen Kurzroman handelt, möchte ich niemanden mit zuviel Inhalts-Paraphrasierung langweilen. Nur so viel: Auf 100 Seiten passiert gefühlt mehr, als in zehn anderen Romanen. Damit meine ich nicht nur den Plot an sich oder wie die Charaktere in den dynamischen Szenen agieren. Es geht vor allem um die Atmosphäre, die von spritziger Vitalität mit viel Gold, Silber, Cocktails und Mondschein gegen Ende hin in eine bittere Nostalgie übergeht, dass das alles nur eine Momentaufnahme ist, die bereits in der Vergangenheit liegt. Die Charaktere sind alle um die 30 Jahre alt und doch hat man oft das Gefühl, das Leben sei schon passiert und nur noch eine Erinnerung. Dazu gehört dann folgerichtig dieses bittersweet end. Wenn der Protagonist Nick sich daran macht, von New York abzureisen, wirkt es ein ganz klein bisschen so, als würde er ein goldenes Jahrhundert hinter sich lassen, das außer ihm kaum jemand jemals gesehen und erlebt hat.
Im Übrigen finde ich es erstaunlich, wie hier quasi die Themen aus Groschenromanen und Fernsehschnulzen aufgegriffen werden: Großer Reichtum und Luxus-Immobilien, samt Party und modischer Kleidung. Charaktere, die gekünstelt gelangweilt oder affektiert wirken. Die ganz große unsterbliche Liebe, die größer als das Leben selbst scheint, und ohne die das Leben sinnlos ist. Natürlich auch das Scheitern einer solchen alles überschattenden Liebe. Ein bisschen was Verruchtes mit Fremdgehen und Gewalt, bis hin zu ein paar Todesopfern. Das alles wirkt rein rational betrachtet recht billig, aber wird durch diese geniale Prosa von Fitzgerald auf ein Level der Extraklasse gehoben. Geld, Schönheit, Party, Liebe, Materialismus. Und das alles hübsch aufpoliert. Viel länger hätte die Geschichte gar nicht sein dürfen, dann hätte sie oberflächlich gewirkt. Aber so ist es ein perfekt geschliffener Diamant. Und damit habe ich nach den Sherlock Holmes Kurzgeschichten endlich mal was Leichtes für zwischendurch, was ich Leuten empfehlen kann, die nach Monaten oder Jahren des Nichtlesens wieder ins Lesen reinkommen wollen. Der Clou an der Sache ist dann noch, dass hier auf 100 Seiten gefühlt mehr passiert als anderswo in zehn Romanen. Der große Gatsby bietet sich also geradezu an, dass man ihn alle paar Jahre erneut liest und weitere Details in den kunstvoll gebauten Szenen entdeckt. Vieles, was hier so locker, leicht und lässig erscheint, hat ganz oft einen schmerzvollen Unterton, der etwas nostalgisch und zynisch wirkt und die Lebensfreude und Dekadenz konterkariert. Zurecht einer der ganz großen Klassiker.
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