Eigentlich sollte hier an dieser Stelle meine erste Buchrezension auf meinem neuen Blog stehen. Zumindest kann ich erwähnen, dass ich zwischen Yoko Ogawa - "Insel der verlorenen Erinnerung" und Jonathan Swift - "Gullivers Reisen" hin und her jongliere. Und auch das nur, weil ich Mammut-Romane wie "Moby Dick" und "Der Distelfink" ein wenig auf die hohe Kante gelegt habe. Keine Panik, sowohl Moby als auch der Fink sind mindestens 4 Sterne wert und es würde mich nicht überraschen, wenn ich auf 5 Sterne und all time Favoriten hochgehe. Allerdings bringt mich das gleich zu einem Dilemma, weshalb ich diesen Blogpost schreibe. Im Grunde ist es sogar der eine zentrale Punkt, weshalb ich überhaupt beschlossen habe, nach all der Zeit nochmal einen Blog zu probieren.
Fehlende Konzentration und kurze Aufmerksamkeitsspanne. Beziehungsweise: Ist das überhaupt der Punkt oder bloß ein Trugbild und das wahre Problem ist etwas ganz anderes? Davon bin ich mittlerweile im Jahr 2024 überzeugt.
Man möchte es sich bequem machen und dieses Problem auf 24/7 social media, schlimme politische Weltlage, Klimawandel und Kurzvideos mit getakteten Highlights schieben. Beim aktiven Nachdenken ist mir jedoch aufgefallen, dass man es sich damit zu leicht macht. Es stimmt schon, dass man früher ohne Smartphone, Fernseher und social media vor lauter Langeweile angefangen hat, Bücher zu lesen. Aber hat man deshalb früher besser oder schneller gelesen? Oder gab es nicht da schon Mechanismen, die dazu führten, dass man Buch x zwar schon kannte – in meinem Fall Moby Dick – und trotzdem gefühlt erst mal 20 Jahre lang kein Interesse daran hatte, diesen Roman überhaupt auch nur anzufangen?
Zwei Dinge habe ich als Vielleser festgestellt und teils erst lernen müssen. Erstens: Viele Romane sind für eine bestimmte Lebens-Abschnitts-Phase geschrieben oder verlangen enormes Vorwissen. Wenn man Moby Dick mit 30 Jahren liest, ist das etwas anderes, als wenn man das mit 12 Jahren probiert. Ein ähnliches Phänomen trifft auf solche Kaliber wie Goethes Faust zu. Klar versteht man die als Teenager nur so zur Hälfte, wenn überhaupt. Als ich letztes Jahr "Ich bin Circe" von Madeline Miller mit Interesse gelesen habe, fiel mir selbst auf, dass mich das Buch so mit 15 bis 19 Jahren gewiss zu Tode gelangweilt hätte. Und einen Roman wie "American Gods" von Neil Gaiman kann man eigentlich nur genießen und wertschätzen, wenn man vorher mindestens zehn bis zwanzig Romane gelesen hat, die nach dem Muster Einleitung - page turner Hauptteil mit cliffhangern - dramatischer Schluss geschrieben sind. Erst dann beginnt das Interesse für die kleinen Anekdoten abseits der Hauptstraßen und Sehenswürdigkeiten. Wenn es auch mal schön sperrig und schrullig und verwirrend und unnötig kompliziert und vertrackt sein darf. Hauptsache, nicht immer das Gleiche und Bekannte.
Jetzt rühme ich mich schon so lange damit, auf Fernseher und Smartphone zu verzichten oder es auf Sparflamme zu nutzen. Selbst für social media habe ich offline Tage eingerichtet oder bin spätestens zwei Stunden vor der Schlafenszeit offline, damit man bei all den Kriegen und Katastrophen nicht wahnsinnig wird. An und für sich habe ich also genug getan, um meine Aufmerksamkeitsspanne wieder auf normal zu regulieren. Und es stimmt auch, ich habe in den letzten zwei, drei Jahren wieder lange Romane wie "Futu.Re" von Dmitry Glukhovsky (925 Seiten), "Der kleine Freund" von Donna Tartt (779 Seiten) oder "Jonathan Strange & Mr. Norrell" von Susanna Clarke (1051 Seiten) gelesen. Teilweise saß ich da über einen Monat oder länger dran, weil es tatsächlich Zeit dauert, all die Informationen zu verarbeiten. Von fehlender Aufmerksamkeit oder Konzentration kann also gar keine Rede sein. Ich bin sogar dermaßen engagiert, dass ich umfangreiche Rezensionen oder jetzt Blog-Einträge schreibe. Und das alles, weil gute Literatur so viel Wissen gibt und Neugierde verursacht.
Und damit wäre ich beim zweiten Punkt. Diese Erkenntnis ist mir beim Anschauen eines Final Fantasy 7 Rebirth Let's Plays des Youtubers und Streamers Maximilian Dood gekommen. Auch wenn ich da beileibe nicht alles gesehen und vieles übersprungen habe, saß ich doch für etwa 4 oder 5 Wochen da und habe die gesamte Geschichte verfolgt. Verdutzt stellte ich mir in meiner ewigen Dauer-Selbsterkenntnis die Frage, warum ich beim Medium Videospiel gerade so intensiv am Start bin, aber ich lustlos 150 Seiten Text weglese, ohne diverse angefangene Romane jemals fertig zu lesen. War es mangelndes Wissen und falscher Lebensabschnitt? Gewiss nicht. Hatte ich zu wenig Geduld und Konzentration. Ebenfalls nein, die genannten Romane zeigen ja, wie sehr ich in einer Sache involviert sein kann.
Beim Erleben von Final Fantasy 7 ist mir immer wieder durch den Kopf gegangen: Mann, sind die Dialoge und die Charaktere gut geschrieben. Oder: Boah, soviel zu entdecken, so viel Abwechslung in den Orten, den Landschaften. Und dann die Musik: Zehn Stunden und mehr, wobei manche Orte und Kämpfe ihr eigenes Thema erhalten, das nur an dieser Stelle abgespielt wird. Und die anderen 90 Stunden hört man es nicht mehr. Andere Spiele betreiben diesen Aufwand gar nicht. Und dann ist mir ein Licht aufgegangen, weshalb ich viele Fernsehserien nicht mag, warum ich viele Musik-Alben nicht höre oder mir bei Filmen nur einzelne Werke herauspicke wie "Blade Runner 2049" oder "The Revenant", obwohl in den jeweiligen Jahren bestimmt hunderte neue Medien erschienen, die ich allesamt verpasste.
Der Grund dafür ist das Fear of Missing Out Marketing, wonach wirklich jedes Produkt als das neue tolle Meisterwerk beworben wird. Und als Mensch wird man in die Konsumenten-Rolle degradiert und soll schön sein Gehirn ausschalten und einfach alles fressen. Wie früher beim klassischen Fernsehprogramm, wo es irgendwann nicht mehr um den Inhalt ging, sondern um Sendezeiten und Einschaltquoten. Es war egal, was du in diesen drei bis fünf Stunden nach 18 Uhr laufen hattest. Den Betreibern ging es nur darum, dich dazubehalten.
Warum nur drei Romane in 6 Monaten lesen, wenn man sich auch hetzen und 30 Romane lesen könnte? Ist doch völlig egal, dass man hinterher in einem Test gar nicht mehr erklären könnte, was man da eigentlich gelesen hat und wie das auf einen gewirkt hat und welche tiefergehende Meinung man formulieren könnte. Reinwürgen, rauskotzen, Klappe die nächste. Mir ist es zuerst auf goodreads aufgefallen, dass teilweise die schlechtesten Reviews von Lesern kommen, die zu viel lesen, als dass ihr Gehirn noch eine Chance hätte, mal das Gelesene sacken zu lassen. Ein gut geschriebenes Buch legt man nicht wie fast food zur Seite. Man braucht ein paar Tage, um überhaupt mal wieder ein Interesse für andere Bücher in der Welt zu entwickeln, weil man im Qualitäts-Blues kurz glaubt, man würde nie wieder so etwas erleben und es sei sinnlos, nach "Jonathan Strange & Mr. Norrell" jemals wieder etwas zu lesen.
Gerade bei der Remake-Reihe zu Final Fantasy 7 wurde mir dann aber wieder einmal klar gemacht: Es lohnt sich immer wieder, neuen Dingen von hoher Qualität eine Chance zu geben, und zwar selbst dann, wenn man meint, schon alles gesehen und erlebt zu haben. Der Grund dafür lautet: Die hohe Zahl an Musik-Alben, Filmen, Serien, Videospielen und eben auch Romanen gaukelt einem manchmal eine Hülle und Fülle vor, die so gar nicht existiert. Wenn man nicht den erstbesten mittelmäßigen Kram liest, reduziert sich die Auswahl überraschend deutlich. Und dann kann man dazu übergehen, diese kleinere, aber wie ich finde wahre Zahl an richtig guten Medien zu konsumieren. Ich habe hier zum Beispiel schon vorsorglich "Zeit der Unschuld" liegen und weiß einfach, dass der Roman vom Anlesen her besser ist, als vermutlich alles, was in den letzten 5 Jahren in der Welt veröffentlicht wurde. Es sind Romane von dieser Qualität, die im Grunde hunderte andere Romane obsolet machen und die einem den Mut zur Geduld zurück bringen. Man muss gar nicht zu den Leuten gehören, die tausende Trash-Romane von mittelmäßger bis schlechter Qualität gelesen haben. Man kann alternativ sein Gehirn einschalten und eine feine Vorauswahl treffen. Und die kann man anschließend gemütlich abarbeiten und beim Lesen kommentieren. Zum Beispiel als Lesetagebuch oder wie ich hier als Blog.
Wenn man also fünf bis zehn Romane gleichzeitig liest und keinen davon wirklich durchliest, ist die Chance hoch, dass man keinem dieser Romane eine 10 von 10 oder 5 von 5 Sternchen geben würde. Höchstens eine gute 4 von 5. Und deshalb unterbricht man diese Geschichten. Man hat in der Vergangenheit schon richtige Banger gelesen oder als Filme oder Videospiele konsumiert und verliert die Geduld vor geringerer Qualität, die damit nicht mithalten kann. Gleichzeitig verleiten einen FOMO und Statistiken und Selbst-Optimierung zu falschen Gedanken wie: Ich muss das alles noch nachholen. Aber das ist Unsinn! Und so wie ich im letzten Jahr damit angefangen habe, für gewisse Musiker und deren Alben eine Vorauswahl zu treffen, die ich dann hören kann, so werde ich eine intelligente Vorauswahl-Liste bei Romanen machen und diese dann Stück für Stück lesen. Wenn ich dann meine eigenen Lese-Tagebuch-Einträge und Reviews damit vergleiche, was andere Leser an geistlosen Drei-Satz-Kommentaren ohne vertiefenden Inhalt raushauen, kann ich wenigstens mit der Gewissheit leben, Romane so konsumiert zu haben, wie es ursprünglich mal von Autoren gedacht war: Man beschäftigt sich mit dem Roman, denkt darüber nach, schreibt eigene Gedanken dazu nieder und diskutiert den Roman vielleicht sogar noch mit anderen Lesern, die sich ebenfalls Gedanken während des Lesens und danach gemacht haben.
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