Um mit ein wenig Infodump zu beginnen, habe ich für diesen Blogeintrag nachgeschaut, seit wann es den NaNoWriMo eigentlich gibt. Mit dem Jahr 1999 hätte ich nun nicht gerechnet. Bekannt ist mir diese Schreib-Herausforderung seit circa 2015, weil es jedes Jahr erneut auf social media die Runde macht. Geschichte, Sinn und Zweck des NaNoWriMo kann sich der interessierte Leser gerne auf der offiziellen Webseite durchlesen. Für alle anderen reicht die kurze Info: Es geht darum, im Monat November eines Jahres 50.000 Worte zu schreiben. Also in etwa 1,667 Worte an jedem der 30 Tage. Ich denke, man muss kein Genie mit kreativer Eingebung sein, um sich eine 'schreib in einem Monat so viel du kannst' Aufgabe auszudenken. Es bleibt einem selbst überlassen, ob man über solcherlei Projekte nun spöttisch lächelt oder ob man einfach mal mitmacht und die Höhen und Tiefen eines solchen Schreibmonats auf sich wirken lässt.
Nun war meine Teilnahme im November 2023 bereits mein zweiter Durchlauf nach 2021, aber die erste Teilnahme lasse ich nicht wirklich gelten. Zwar hatte ich technisch gesehen gewonnen, aber da ich eine gewaltige Erschöpfung in der letzten Woche hatte, die so weit ging, dass ich 2022 gar nicht erst daran dachte, mich erneut zu beteiligen, lasse ich 2021 für mich nicht gelten. Was war also beim zweiten Mal anders? Welche guten und schlechten Erfahrungen hatte ich gesammelt? Das möchte ich hier kurz und prägnant beleuchten. Das Wichtigste zuerst: Der NaNo funktioniert tatsächlich. Skepsis und Bedenken der Nicht-Schreiber beiseite geschoben, stehen am Ende des Monats Textmassen vor einem, mit denen man nie gerechnet hätte. Und mit dieser Euphorie wirbt der NaNo auch jedes Jahr, haut seine motivierenden Vorbereitungs-'Prep-Talks' raus und spinnt Netzwerke und sogar einige kommerzielle Produkte drumherum. Klar, natürlich geht es nicht nur um Luft und Liebe. Non-Profit-Organization hin oder her, der Nano bedient reichlich Programm für Kinder und Jugendliche im Bildungsbereich, und mit zahlreichen Zusatz-Monaten außerhalb des Novembers soll der Zirkus das ganze Jahr über warm gehalten werden. Doch mir geht es nicht um Grundsatz-Kritik, oder darum, ob der Spirit von vor über 20 Jahren mal ein anderer war. Eine Gruppe von ein paar hundert Leuten nur in den USA ist sicherlich etwas anderes, als ein globales Netz über alle Kontinente gespannt, mit zehntausenden Autoren, die alle am Nano mitschreiben.
Nach zwei NaNoWriMo-Erlebnissen gebe ich hier nun meine wesentlichen Erfahrungen weiter. Vielleicht ist das für jemanden nützlich, der selber mal am NaNo teilnehmen möchte, aber gerne vorher wüsste, was denn der Haken an der Sache ist, die negative Seite dieses Events und worauf man sich einstellen sollte. Meine wichtigster aha Moment – und gleichzeitig der Hauptunterschied zwischen 2021 und 2023 – war für mich der Einsatz des Taschenrechners. Während ich beim ersten Mal immer versuchte, alles aus den jeweiligen Schreibsessions herauszuholen, betrieb ich 2023 eine gewisse pragmatische Ökonomie. Bei 1700 geschriebenen Worten an einem Abend machte ich meist einen Cut, egal, wie fit und motiviert ich mich fühlte. Vor allem in den ersten zehn Tagen war das mein Mantra, um mich dieses Mal nicht zu früh zu verausgaben. Und siehe da, 2023 hing ich in Woche 4 nicht in den Seilen, sondern konnte einen Endspurt hinlegen.
Da ich im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen mit Depressionen lebe und daher sehr gut auf meine körperliche und mentale Energie achten muss, probierte ich 2023 zusätzlich einen Fokus auf Schlafhygiene aus. Das Resultat waren äußerst wertvolle, ein bis zwei Stunden dauernde Power-Naps zwischen Schreibsessions. Ich bin vom Chronotyp her eine Nachteule und bin selbst unabhängig davon meist am spätend Abend kreativ veranlagt. Die Ruhe und Atmosphäre am Abend beeinflusst und inspiriert mich. Aufgrund meiner Verfasstheit kann ich nicht wie andere Menschen 6 Stunden und länger ununterbrochen schreiben. Das würde mich nach spätestens drei Tagen erschöpfen. Und 2021 war meine Erfahrung ja auch so mies, dass ich dachte, der NaNo ruiniert zwangsläufig die Gesundheit. Dieses Mal probierte ich mit Hintergedanken an die Pomodoro-Technik kleinere Schreibblöcke mit Pausen dazwischen aus. Vom Gitarre üben ist mir das gut bekannt, da es für das Gehirn und auch die Hände besser ist, eine halbe Stunde vernünftig zu trainieren, als stundenlang vor sich hin zu spielen und keinen Lerneffekt zu haben.
Aber natürlich ist es ein Unteschied, ob man 30 Minuten lang 4 bis 6 Takte Noten spielen übt oder ob man eine oder mehrere Szenen inklusive Dialogen und Action schreibt. Man muss einfach mehr Zeit aufwenden. Und bei mir pendelte sich ein goldenes Maß ein von circa 2 bis 2,5 h Schreiben, 1 bis 1,5 h Pause und dann nochmal schreiben. Und wenn ich bei 1700 Worten war, konnte ich für den Tag Schluss machen. Was dabei glücklich und zufrieden macht, ist der Moment, wenn man sich einmal pro Tag auf der NaNo Webseite einloggt und die Wortanzahl aktualisiert. Die Zahlen lügen ja nicht. Dummerweise wird einem dann schnell angezeigt, wie viel noch fehlt, und gerade, wenn man nach Mitternacht die Updates einstellt, wird bereits der Folgetag mit einberechnet und die Seite zeigt direkt die fehlenden 1,667 Worte vom nächsten Tag an und der Graph stürzt nach unten ab. Für solche Momente muss man Nerven haben.
Da ich bislang nur alleine an der Challenge mitgemacht habe, kann ich nichts dazu schreiben, wie sich der NaNo als Gruppen-Event anfühlt. Allerdings behaupte ich frech, dass gerade das Tunneln und das Ignorieren aller anderen Menschen mit ein Grund dafür ist, warum man sein Wortziel überhaupt schafft. Ganz bewusst vermied ich social media, Twitch Streams und ähnliche Zeitfresser. Mit dieser Routine war es dann kein Problem, mal zwei oder drei Tage lang meine Schreibsessions zu jonglieren. In der Weihnachtszeit muss man hin und wieder abends beim Plätzchenbacken helfen, da musste ich also am Vormittag schreiben. Zwar nicht optimal für mich, aber wenn man circa 25 Tage in der Abend-Komfortzone war, gehen die Ausnahmen gerade so klar.
Bereits 2021 hatte es sich als Schlüssel erwiesen, während des Monats nicht die Qualität des Geschriebenen zu hinterfragen. Das kann man sich dann mit Pause über den Dezember im Januar und Februar noch einmal anschauen. Und nein, der NaNo produziert keine perfekten Texte, man muss Vieles nachbearbeiten. Doch zumindest hat man Textmassen geschrieben, denen man später Feinschliff verpassen kann. Die Taktik ist auch ganz simpel: Einfach nicht lesen, was man am Vorabend geschrieben hat. Einfach weiter machen und jeden Tag isoliert angehen. Es motiviert zusätzlich, wenn man von 30 Tagen runterrechnet, und sieht, dass es immer weniger Tage werden, die man durchstehen muss. Allerdings führte das bei mir nun zweimal dazu, dass ich im Dezember dann gar nichts mehr geschrieben hatte, weil es sich so anfühlte, als sei man 'fertig' mit etwas. Die Illusion einer Zielflagge ist zwar hübsch, um zu starten, aber sie ist ein Hindernis, wenn man regelmäßg zu schreiben beabsichtigt. Ich weiß auch noch nicht, ob ich 2024 mitmache oder ob ich meine eigene Herangehensweise nutze, um eben den Oktober und Dezember mit einzubinden und den November entspannter anzugehen.
Während ich also das Nicht-Beachten der Qualitätsfrage kannte und mehr auf Schlaf und Energie achtete, stellte sich 2023 während des Novembers erfreulicherweise ein ganz neuer Nebeneffekt ein: Das Herumspringen im Manuskript. Wenn man mit mehreren Kapiteln arbeitet, einfach mal an einem Abend in Kapitel 2 schreiben, dann 7, dann vielleicht 12, zurück zum Anfang des Textes, dann mal eine Lücke füllen. Im Grunde wie beim Puzzeln oder beim Ausmalen von Flächen. Man erspart sich Langeweile, die aufkommen kann, wenn man sich zwingt, alles immer nur chronologisch von Anfang bis Ende aufzuschreiben. Man liest die Resulate sowieso erst später, also kann man ruhig kreativ durchwechseln. Hauptsache, man denkt daran, immer bei circa 1700 Worten in den ersten zwei Wochen die Schreibsessions zu beenden. Und in der letzten Woche möchte man sowieso möglichst schnell fertig werden, um sich vielleicht ein bis zwei Tage weniger zu quälen. Und so überwindet man seinen inneren Schweinehund und schafft in Woche 4 Leistungen, an die man vorher nicht geglaubt hätte.
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