Der Londoner Kavalier Phileas Fogg wettet am zweiten Oktober 1872 gegen ein paar andere Mitglieder des Reform-Klubs innerhalb von 80 Tagen, also bis zum 21. Dezember, einem Samstag, um 20:45 Uhr wieder in London zu sein. Noch am selben Abend, jenem zweiten Oktober, fährt er mit dem Zug nach Dover. Die einzige Unterstützung, die er dabei hat, kommt von seinem Diener Passepartout, den er just erst an diesem Tag frisch eingestellt hat. Alles weitere an Material und Fahrttickets wird von Phileas Vermögen unterwegs spontan eingekauft. So beginnt eines der berühmtesten Bücher überhaupt. Jedes Kind kennt den Namen, weil es dutzende Filme und andere Anspielungen in der Popkultur gibt. Aber wie gut ist eigentlich das Original? Bislang kannte ich von Jules Verne nur einen meiner absoluten Lieblings-Romane "20.000 Meilen unter dem Meer" mit dem Enigma namens Kapitän Nemo, der an Bord der Nautilus Orgel spielt oder seinen Gefangenen, Professor Arronax und Harpunier Ned Land zwischen Bibliothek, Fenster zum Ozean oder Tauchgängen seine Lebensphilosophie näher bringt. Und dann kenne ich noch "Reise zum Mittelpunkt der Erde" von diversen Verfilmungen her. Meine erste Befürchtung, dass ich mich im Jahr 2024 mit Prosa-Stil von 1872 schwer tun würde, war zum Glück unbegründet. Jules Verne Text ist vom Tonfall her wissenschaftlich-sachlich angehaucht und verwendet gerne entschlackte Sätze, die pragmatisch und dicht geradeaus formuliert sind. Hinzu kommt, dass Verne zumindest in diesem Roman die Handlung mit hoher Beschleunigung voran peitscht. Gefühlt sind die Charaktere alle zwei Kapitel in einem anderen Staat oder sogar Kontinent unterwegs. Auf der einen Seite ist dieser Tapetenwechsel faszinierend, da man andauernd mit neuen Zahlen, Daten und Fakten bombardiert wird. Auf der anderen Seite gibt es kaum einmal Raum zum Durchatmen und Innehalten. Eigentlich fallen mir nur zwei Beispiele ein. Zum einen Passepartouts kleines Abenteuer als Langnasen-Akrobat in Yokohama und die Durchquerung des indischen Dschungels auf einem Elefanten. Hier kommt am ehesten das auf, was man als moderner Leser von einem Roman erwartet: Charaktere, die vor Hürden gestellt werden und im Team arbeiten müssen, wenn sie voran kommen wollen. Und zwischendurch gibt es Widersacher, wie den Detektiv Fix, der der Truppe hinterher reist, weil er den aus seiner Sicht glasklaren Bankräuber Fogg fassen möchte. Soweit ist das alles ganz nett und ich hatte meinen Spaß mit dieser Geschichte. Vor allem auch wegen der fabelhaft illustrierten Ausgabe, die ich lesen durfte. Getrübt wurde das Ganze jedoch durch gleich zwei schwere Probleme, die der Roman meiner Meinung nach hat. Das erste und offensichtliche Problem ist das hohe Tempo. Gefühlt gibt es alle zwei, drei Kapitel immer ein Pseudo-Kapitel, in dem nur Lexikon-Artikel mäßig Faktenwissen herausposaunt wird. Man erkennt diese Abschnitte, weil dort Charaktere und Handlung kaum noch stattfinden. Beispielsweise befinden sich Phileas Fogg und Passepartout häufig auf Dampfern oder in Zügen und verhalten sich enorm passiv, weil die Handlung meist zwischen Ankunft und Abfahrt zweier Transportmittel spielt und erst dann lebhaft wird, wenn ein Anschluss verpasst wird und Phileas Fogg all sein Geld auf Mensch X oder Sache Y wirft und damit jeweils ein Deux Ex Machina erzeugt, damit die Handlung weiter gehen kann. Jules Verne zählt sogar recht gerne auf, was Fogg alles nicht sieht und womit er nicht interagiert, weil dafür die Zeit fehlt. Nicht nur ein Mal fragte ich mich: Warum dann überhaupt eine Geschichte erzählen? Das zweite Problem ist die Charakter-Entwicklung. Während die beiden Nebencharaktere Passepartout und Detektiv Fix mit all ihren Sorgen und Nöten gut und solide dargestellt sind, bleibt ausgerechnet der vermeintliche Protagonist Phileas Fogg ein langweiliger Schatten jenseits aller Möglichkeiten. Immer ist er ruhig und kühl, zeigt niemals Emotionen, hat immer ein Pokerface, und wenn es Probleme gibt, hilft ihm sein Geld oder der Zufall. Ansonsten spielt er Whist oder isst luxuriöse Mahlzeiten. Das war es. Und die in Indien gerettete, natürlich bildhübsche Frau Auda, hat als weiblicher Charakter des 19. Jhds. keine eigene Agenda. Sie reist als schönes Objekt einfach nur mit und dient am Ende als Heiratsmaterial. Natürlich ohne nachvollziehbare Liebes-Entwicklung zwischen ihr und dem männlichen Protagonisten. Allerdings ist das ein typisches Problem sehr alter Romane und nicht Jules Verne exklusiv. Trotzdem macht es die Situation nicht besser. Am Ende des Tages geht es um die Wette an sich und weniger um die Charaktere. Kann man mögen, ich jedoch habe damit gefremdelt. Dass ich dem Roman trotzdem noch eine vergleichsweise gute Wertung gebe, liegt daran, dass die vielen Ortswechsel, das Faktenwissen und das Tempo für gutes Fast Food sorgen. Eisenbahn, Dampfschiffe, Dschungel mit Elefanten, kleines Segelschiff vor China, Eisenbahn mit Indianer-Überfall in Amerika. Es ist schon abenteuerlich wild, was in so kurzer Zeit alles geschieht. Kein Wunder, dass der Stoff so gern für Film und Fernsehen umgesetzt wird und ein weltbekannter Klassiker ist. Leider merkt man der Vorlage spürbar an, dass sie im Lauf der Zeit stark gealtert ist. Wusstet ihr schon, es gibt jetzt Eisenbahn! Ja, richtig gelesen, und nun unterbrechen wir diesen Text mit Inhalt, um alle Bahnstationen mit Zahlen, Daten und Fakten aufzuzählen. Sowas wie Dialoge und Plot kommen dann erst wieder im nächsten Kapitel. Und sowas Modernes wie innere Monologe eines Herrn Fogg und wie es ihm gefühlsmäßig geht, gibt es nicht. Ein Mann ist und bleibt ein Taschenrechner. Mein Lieblings-Abschnitt ist der USA-Teil, weil er so wild ist wie ein Pen and Paper Abend. Eben sitzt noch ein Mormonen-Priester im Abteil und erzählt religiöse Historie, dann gibt es fast ein Shootout zwischen zwei Egos, als nächstes geschieht ein Indianer-Überfall und Passepartout hangelt sich bei vollem Tempo unterhalb der Waggons zur Lok vor. Man merkt, wo James Bond und co ihre Inspiration her haben. Insgesamt kann ich dem Roman maximal 3/5 Sternen geben.
Samstag, 30. November 2024
Donnerstag, 28. November 2024
Meine Stärken und Schwächen beim Zeichnenlernen
Als ich im Januar 2024 nach Ewigkeiten mal wieder einen Bleistift in der Hand hielt, fiel es mir schwer, damit etwas anzufangen. Man ist das Tippen einer Tastatur gewohnt und manchmal nutzt man Füller, Kugelschreiber oder andere Stifte, um sich Notizen zu machen. Beim Bewegungsablauf jedoch hält man den Stift ziemlich weit vorne und macht kleine Bewegungen, um Buchstaben zu formen. Wenn man jedoch klassisch Zeichnen lernt, muss man den Stift in der Mitte oder beim Schraffieren vielleicht sogar noch weiter hinten anfassen. Und dann geht es um lange Linien, um S-Formen, Kurven, Ellipsen und immer wieder Kreise. Wer wie ich vorher noch nie klassisches Training hatte, muss erstmal einen komplett neuen Bewegungsablauf ins muscle memory bekommen. Sehr dabei geholfen hat mir ein mechanical pencil, weil der so leicht ist, und sich wie ein ganz neues, unbekanntes Werkzeug anfühlte. Zumindest in den ersten Monaten. Momentan ist diese fehlende Praxis meine größte Schwäche. Es werden noch tausende Stunden vergehen, ehe Qualität und Strichstärke meiner Linien wirklich flüssig und geschmeidig aufs Blatt kommen. Parallel übe ich auch genau diese Bewegungen mit der Maus am Computer zu zeichnen. Da Linien und Strichstärke nun einmal die Basis von allem sind, sehe ich hier noch mein größtes Potenzial für Verbesserung. Ebenfalls Probleme bereiten mir Proportionen und Perspektive im Raum. Hier geht es aber eher um Mathematik und auswendig lernen und weniger um die Feinmotorik meiner Hand. Das sollte sich durch Wiederholung irgendwann einprägen. Vermutlich muss ich mir auch extra Bücher zum Thema Perspektive kaufen. In Krita kann man perspektivische Gitter einstellen, aber analog muss ich das alles per Hand manuell eintragen, was lästig, aber notwendig erscheint. In 11 Monaten habe ich auch zwei große Stärken entdeckt. Erstens wäre da mein Durchhaltevermögen. Wenngleich alles am Anfang doof aussieht, mache ich weiter brav Übungen und Skizzen. Aber die erfreulichste Entdeckung des Jahres ist, dass ich viel besser beobachten und abzeichnen/ nachzeichnen kann, als bislang gedacht. Es hilft ungemein, wenn ich coole Charaktere aus Anime und Manga abzeichne. Und mir ist aufgefallen, dass ich ein Auge für Licht und Schatten und Stimmmung habe. Mein nächster Schritt wird nun sein, Charakter-Posen in räumlicher Perspektive zu zeichnen.
Samstag, 9. November 2024
Status Update – Zeichnen lernen 2024
Hallo, long time no see!
Ich möchte nicht lange auf meine eigene Gesundheit oder die politische Weltlage eingehen. Lasst mich stattdessen auf ein schönes Thema kommen: Mein Zeichnen lernen Projekt 2024. Eigentlich wollte ich ja bis hierhin diverse Romane gelesen und weiter an meinen Manuskripten geschrieben haben - doch, irgendwie war der Wurm drin. Glücklicherweise habe ich im Laufe des Jahres mechanical pencil, Radiergummi, Buntstifte und nun auch ein sketching set mit ganz hohen B-Werten und sogar Kohlestifte erhalten. Gleichzeitig liefen in letzter Zeit einige erfreulich gute Pen and Paper Kampagnen wie zum Beispiel "Die vergessenen Lande" auf dem youtube Kanal 'BehaartMitBart'. Das hat mich so inspiriert und an ganz klassische Fantasy erinnert, dass ich nun umso eifriger Zeichnen übe, um irgendwann FanArts erstellen zu können. Ich übe gleichzeitig analog (für Hand-Auge-Koordination) als auch mit der Software Krita.
An und für sich würde ich gerne so viel mehr schreiben - zum Beispiel ein paar Zeilen, wie ich mein 'Fasans fabelhaft fabulierter Spooktober' do it yourself Horror-Kurzgeschichten mit Würfeln-Vorlagen erstellen - System hier dauerhaft das ganze Jahr online halten kann. Doch alles zu seiner Zeit. Mir hat es enorm geholfen, mich nicht mehr an langen Foren-Diskussionen zu beteiligen. Aktuell meide ich auch so gut es geht die Nachrichten, weil mich das alles nur noch wahnsinnig macht. Zum Abschluss dieses kleinen, aber feinen Lebenszeichens noch folgende Info mit auf den Weg: Früchtetee aus der Thermoskanne und dazu Shortbread Rings/ Goldringe sind eine wesentliche Verbesserung der Lebensqualität.
Donnerstag, 23. Mai 2024
Erste Schritte mit Krita
Liebes Tagebuch,
heute habe ich ein großes Feufeu entdeckt. Auf meinem Weg zur digitalen Zeichen- und Malherrschaft habe ich einen für mich entscheidenden neuen Schritt gewagt. Ich bin mal ausnahmsweise von Bleistift, Radiergummi und Papier aus der analogen Welt hinüber in die digitale Welt gewechselt. Wer sich die Seite "Zeichnen & Fasan" meines Blogs bereits durchgelesen hat, der weiß, dass ich emsig zeichnen übe. Ob ich gut darin werde, wird ein lang angelegtes soziales Experiment. Testsubjekt Fasan 01 schiebt sich bereits ordentlich Schokolade in den Tank und wuselt sich begeistert durch neue kreative Lande, hehe. Wie es die böse Welt will, habe ich natürlich kein graphic tablet und selbst auf so einen Luxus wie eine funktionierende Maus muss ich verzichten. Selbst wenn ich meine wiederaufladbaren Batterien finden würde, so hätte ich doch nicht mehr genügend funktionierende USB-Anschlüsse an meinem zehn Jahre alten Laptop. Aber er läuft brav und anständig, also wollen wir ihn mal in Ruhe lassen, den alten Haudegen. Onehin erweist es sich endlich mal als nützlich, dass ich mit dem Touchpad vom Laptop umgehen kann. Ich muss allerdings auch sagen, dass Linien zeichnen mit den Fingern etwas anderes ist, als einen Stift zu halten. Jedoch halte ich das alles für eine reine Übungssache. Es fühlt sich für mich genauso natürlich an, eine Kurve mit dem Touchpad zu zeichnen, als würde ich locker einen Druckbleistift halten. Vielleicht lüge ich mir aber auch einfach nur den späten Abend schön. Das ist ja das Schöne an so einem Blog. Hier kann ich schreiben und machen, was ich will. Egal, was der Rest der Menschheit davon hält. Als Software verwende ich den open source raster graphics editor namens Krita. Der Grund isr recht einfach. Gerade als absoluter Grünschnabel gebe ich in den ersten 300h des Trainings gewiss kein teures Geld für noch bessere Software aus. Erstmal will ich Grundlagen verstehen. Wer weiß, wie weit ich mit Krita komme, bevor ich an künstlerisch unbefriedigende Grenzen stoße.
Viel länger möche ich diesen kleinen, heimlichen Eintrag auch gar nicht machen. Die Lesezeit meiner 0,000045% Leser ist mir wichtig. Zumindest möchte ich aus reiner Höflichkeit diese zuvorkommende Fassade aufrecht erhalten. Bevor ich das zweite drollige Linien malen-Testbild zeige (und hoffentlich ein paar Lacher ernte), gebe ich noch einen kurzen Ausblick, was ich demnächst so zeichnen und malen möchte. Auf jeden Fall stehen Mangafiguren aus "Dragonball" auf dem Programm. Dann ein wenig "Der kleine Maulwurf", verschiedene Tierstudien rund um Bären, Leoparden, Fasane, Pferde und so weiter und natürlich die ganzen anatomischen Sachen. Wobei ich noch nicht sagen kann, ob ich wirklich Anfänger-Studien von Händen und Füßen hier auf dem Blog hochladen möchte. Ich habe schon einen gewissen Ehgeiz, dass die Sachen halbwegs cool aussehen sollen. Eine Ausnahme davon sind freilich die humorvollen Übungen, die wenigstens etwas zur allgemeinen Erheiterung beitragen. Selbst wenn das bedeuten sollte, dass ich das nur zu meiner eigenen Belustigung uploade. Aber ich will ja in Monaten oder Jahren sehen, wie weit ich gekommen bin. Also, hier bitteschön, ein zweites Testbild, um herauszufinden, wie man in Krita Linien malt. Ein Angriff der Aliens!
Mittwoch, 22. Mai 2024
Der große Gatsby - F. Scott Fitzgerald
"Auf der dunklen Brücke sank ihr fahles Gesicht müde an meine Schulter, und der sagenhafte Schreck, der mich angesichts der Dreißig befallen hatte, erstarb unter dem tröstlichen Druck ihrer Hand. So fuhren wir durch das kühler werdende Zwielicht weiter auf den Tod zu." (Abschnitt 7, gegen Ende)
Wie so häufig bei Klassikern der Literatur ist auch "Der große Gatsby" ein Name, den man als Leser im Unterbewusstsein drin hat. Und das viele Jahre, bevor man es dann endlich liest. In diesem speziellen Fall weiß ich sogar, dass es zwei Romanverfilmungen gibt. Eine mit Robert Redford, die ich nie gesehen habe und die schick aussieht. Und eine weitere mit Leonardo DiCaprio und dem wunderbaren Song von Lana Del Rey "Young and Beautiful". Ebenfalls sehr schick und ebenfalls nie gesehen. Ich kann dafür nicht einmal einen gehaltvollen Grund angeben, da es schon vorgekommen ist, dass ich erst eine Buchverfilmung gesehen und erst hinterher das entsprechende Buch gelesen habe. Im Fall von "Der Herr der Ringe" war das sogar doppelt belohnend, weil Film und Buch beide von sehr hoher Qualität sind. Aber zurück zu Fitzgerald. Mein erster Berührungspunkt ist eine Anekdote aus Ernest Hemingway's posthum erschienenen Romanfragment "Paris, Ein Fest fürs Leben". Da kommen auch das Ehepaar Francis und Zelda drin vor, allerdings werden sie in keinem guten Licht porträtiert. Aber das war bislang nicht der Grund, der mich vom Lesen abgehalten hat. Ich habe sogar schon seit ein paar Jahren "Zärtlich ist die Nacht" hier in meinem Regal herumliegen und bereits das Nachwort mehrfach gelesen und mich ein wenig mit der Biographie von F. Scott Fitzgerald beschäftigt.
Meine Motivation, "Der große Gatsby" gerade jetzt zu lesen, liegt an zwei Gründen. Erstens: "Moby Dick" und "Der Distelfink" sind solche gigantischen Romane, dass ich die über Monate hinweg immer wieder in Stückchen lese, um sie auch mental verdauen zu können. Da kommt mir ein feiner Kurzroman gerade recht. Zweitens: Meine Ernüchterung beim Lesen von "Dracula" hat mir gezeigt, dass man keine allzu große Hochachtung und Anspannung vor bekannten Namen haben muss. Einfach mit der Brechstange drauf los und reinlesen und am Ende ist es vielleicht sowieso nur mittelmäßig. Das Leben ist kurz, wenn ein Roman nicht zündet, liest man eben was anderes. Und wie fantastisch ist es da bitte, dass "Der große Gatsby" einer von den Ausnahmefällen ist, in denen ein berühmter Titel sehr gut, wenn nicht sogar überragend gut geschrieben ist?
Der Kurzroman beginnt mit: "Als ich noch jünger und verwundbarer war". Da war mir schon klar, dass das hier entweder ein hochtrabender, prätentiöser Reinfall wird oder eben ein seltener Geniestreich. Zum Glück hat es sich ausnahmsweise mal in den Bereich genialer Text entwickelt. Das wiederum kam für mich aber nicht überraschend, weil in dem fantastischen "Gotham Writer's Workshop" Gatsby aus allen Winkeln analysiert wird. Charaktere, Szenen, Dialoge, Perspektive, selbst die Auswahl des Vokabulars, um diesen malerischen, poetischen, flirrenden 'jazz age' Effekt hinzubekommen, wurde dort Detail für Detail erklärt und veranschaulicht. Gerade, weil es sich um einen Kurzroman handelt, möchte ich niemanden mit zuviel Inhalts-Paraphrasierung langweilen. Nur so viel: Auf 100 Seiten passiert gefühlt mehr, als in zehn anderen Romanen. Damit meine ich nicht nur den Plot an sich oder wie die Charaktere in den dynamischen Szenen agieren. Es geht vor allem um die Atmosphäre, die von spritziger Vitalität mit viel Gold, Silber, Cocktails und Mondschein gegen Ende hin in eine bittere Nostalgie übergeht, dass das alles nur eine Momentaufnahme ist, die bereits in der Vergangenheit liegt. Die Charaktere sind alle um die 30 Jahre alt und doch hat man oft das Gefühl, das Leben sei schon passiert und nur noch eine Erinnerung. Dazu gehört dann folgerichtig dieses bittersweet end. Wenn der Protagonist Nick sich daran macht, von New York abzureisen, wirkt es ein ganz klein bisschen so, als würde er ein goldenes Jahrhundert hinter sich lassen, das außer ihm kaum jemand jemals gesehen und erlebt hat.
Im Übrigen finde ich es erstaunlich, wie hier quasi die Themen aus Groschenromanen und Fernsehschnulzen aufgegriffen werden: Großer Reichtum und Luxus-Immobilien, samt Party und modischer Kleidung. Charaktere, die gekünstelt gelangweilt oder affektiert wirken. Die ganz große unsterbliche Liebe, die größer als das Leben selbst scheint, und ohne die das Leben sinnlos ist. Natürlich auch das Scheitern einer solchen alles überschattenden Liebe. Ein bisschen was Verruchtes mit Fremdgehen und Gewalt, bis hin zu ein paar Todesopfern. Das alles wirkt rein rational betrachtet recht billig, aber wird durch diese geniale Prosa von Fitzgerald auf ein Level der Extraklasse gehoben. Geld, Schönheit, Party, Liebe, Materialismus. Und das alles hübsch aufpoliert. Viel länger hätte die Geschichte gar nicht sein dürfen, dann hätte sie oberflächlich gewirkt. Aber so ist es ein perfekt geschliffener Diamant. Und damit habe ich nach den Sherlock Holmes Kurzgeschichten endlich mal was Leichtes für zwischendurch, was ich Leuten empfehlen kann, die nach Monaten oder Jahren des Nichtlesens wieder ins Lesen reinkommen wollen. Der Clou an der Sache ist dann noch, dass hier auf 100 Seiten gefühlt mehr passiert als anderswo in zehn Romanen. Der große Gatsby bietet sich also geradezu an, dass man ihn alle paar Jahre erneut liest und weitere Details in den kunstvoll gebauten Szenen entdeckt. Vieles, was hier so locker, leicht und lässig erscheint, hat ganz oft einen schmerzvollen Unterton, der etwas nostalgisch und zynisch wirkt und die Lebensfreude und Dekadenz konterkariert. Zurecht einer der ganz großen Klassiker.
Montag, 29. April 2024
Warum man als Leser häufig kaum noch was zu Ende liest
Eigentlich sollte hier an dieser Stelle meine erste Buchrezension auf meinem neuen Blog stehen. Zumindest kann ich erwähnen, dass ich zwischen Yoko Ogawa - "Insel der verlorenen Erinnerung" und Jonathan Swift - "Gullivers Reisen" hin und her jongliere. Und auch das nur, weil ich Mammut-Romane wie "Moby Dick" und "Der Distelfink" ein wenig auf die hohe Kante gelegt habe. Keine Panik, sowohl Moby als auch der Fink sind mindestens 4 Sterne wert und es würde mich nicht überraschen, wenn ich auf 5 Sterne und all time Favoriten hochgehe. Allerdings bringt mich das gleich zu einem Dilemma, weshalb ich diesen Blogpost schreibe. Im Grunde ist es sogar der eine zentrale Punkt, weshalb ich überhaupt beschlossen habe, nach all der Zeit nochmal einen Blog zu probieren.
Fehlende Konzentration und kurze Aufmerksamkeitsspanne. Beziehungsweise: Ist das überhaupt der Punkt oder bloß ein Trugbild und das wahre Problem ist etwas ganz anderes? Davon bin ich mittlerweile im Jahr 2024 überzeugt.
Man möchte es sich bequem machen und dieses Problem auf 24/7 social media, schlimme politische Weltlage, Klimawandel und Kurzvideos mit getakteten Highlights schieben. Beim aktiven Nachdenken ist mir jedoch aufgefallen, dass man es sich damit zu leicht macht. Es stimmt schon, dass man früher ohne Smartphone, Fernseher und social media vor lauter Langeweile angefangen hat, Bücher zu lesen. Aber hat man deshalb früher besser oder schneller gelesen? Oder gab es nicht da schon Mechanismen, die dazu führten, dass man Buch x zwar schon kannte – in meinem Fall Moby Dick – und trotzdem gefühlt erst mal 20 Jahre lang kein Interesse daran hatte, diesen Roman überhaupt auch nur anzufangen?
Zwei Dinge habe ich als Vielleser festgestellt und teils erst lernen müssen. Erstens: Viele Romane sind für eine bestimmte Lebens-Abschnitts-Phase geschrieben oder verlangen enormes Vorwissen. Wenn man Moby Dick mit 30 Jahren liest, ist das etwas anderes, als wenn man das mit 12 Jahren probiert. Ein ähnliches Phänomen trifft auf solche Kaliber wie Goethes Faust zu. Klar versteht man die als Teenager nur so zur Hälfte, wenn überhaupt. Als ich letztes Jahr "Ich bin Circe" von Madeline Miller mit Interesse gelesen habe, fiel mir selbst auf, dass mich das Buch so mit 15 bis 19 Jahren gewiss zu Tode gelangweilt hätte. Und einen Roman wie "American Gods" von Neil Gaiman kann man eigentlich nur genießen und wertschätzen, wenn man vorher mindestens zehn bis zwanzig Romane gelesen hat, die nach dem Muster Einleitung - page turner Hauptteil mit cliffhangern - dramatischer Schluss geschrieben sind. Erst dann beginnt das Interesse für die kleinen Anekdoten abseits der Hauptstraßen und Sehenswürdigkeiten. Wenn es auch mal schön sperrig und schrullig und verwirrend und unnötig kompliziert und vertrackt sein darf. Hauptsache, nicht immer das Gleiche und Bekannte.
Jetzt rühme ich mich schon so lange damit, auf Fernseher und Smartphone zu verzichten oder es auf Sparflamme zu nutzen. Selbst für social media habe ich offline Tage eingerichtet oder bin spätestens zwei Stunden vor der Schlafenszeit offline, damit man bei all den Kriegen und Katastrophen nicht wahnsinnig wird. An und für sich habe ich also genug getan, um meine Aufmerksamkeitsspanne wieder auf normal zu regulieren. Und es stimmt auch, ich habe in den letzten zwei, drei Jahren wieder lange Romane wie "Futu.Re" von Dmitry Glukhovsky (925 Seiten), "Der kleine Freund" von Donna Tartt (779 Seiten) oder "Jonathan Strange & Mr. Norrell" von Susanna Clarke (1051 Seiten) gelesen. Teilweise saß ich da über einen Monat oder länger dran, weil es tatsächlich Zeit dauert, all die Informationen zu verarbeiten. Von fehlender Aufmerksamkeit oder Konzentration kann also gar keine Rede sein. Ich bin sogar dermaßen engagiert, dass ich umfangreiche Rezensionen oder jetzt Blog-Einträge schreibe. Und das alles, weil gute Literatur so viel Wissen gibt und Neugierde verursacht.
Und damit wäre ich beim zweiten Punkt. Diese Erkenntnis ist mir beim Anschauen eines Final Fantasy 7 Rebirth Let's Plays des Youtubers und Streamers Maximilian Dood gekommen. Auch wenn ich da beileibe nicht alles gesehen und vieles übersprungen habe, saß ich doch für etwa 4 oder 5 Wochen da und habe die gesamte Geschichte verfolgt. Verdutzt stellte ich mir in meiner ewigen Dauer-Selbsterkenntnis die Frage, warum ich beim Medium Videospiel gerade so intensiv am Start bin, aber ich lustlos 150 Seiten Text weglese, ohne diverse angefangene Romane jemals fertig zu lesen. War es mangelndes Wissen und falscher Lebensabschnitt? Gewiss nicht. Hatte ich zu wenig Geduld und Konzentration. Ebenfalls nein, die genannten Romane zeigen ja, wie sehr ich in einer Sache involviert sein kann.
Beim Erleben von Final Fantasy 7 ist mir immer wieder durch den Kopf gegangen: Mann, sind die Dialoge und die Charaktere gut geschrieben. Oder: Boah, soviel zu entdecken, so viel Abwechslung in den Orten, den Landschaften. Und dann die Musik: Zehn Stunden und mehr, wobei manche Orte und Kämpfe ihr eigenes Thema erhalten, das nur an dieser Stelle abgespielt wird. Und die anderen 90 Stunden hört man es nicht mehr. Andere Spiele betreiben diesen Aufwand gar nicht. Und dann ist mir ein Licht aufgegangen, weshalb ich viele Fernsehserien nicht mag, warum ich viele Musik-Alben nicht höre oder mir bei Filmen nur einzelne Werke herauspicke wie "Blade Runner 2049" oder "The Revenant", obwohl in den jeweiligen Jahren bestimmt hunderte neue Medien erschienen, die ich allesamt verpasste.
Der Grund dafür ist das Fear of Missing Out Marketing, wonach wirklich jedes Produkt als das neue tolle Meisterwerk beworben wird. Und als Mensch wird man in die Konsumenten-Rolle degradiert und soll schön sein Gehirn ausschalten und einfach alles fressen. Wie früher beim klassischen Fernsehprogramm, wo es irgendwann nicht mehr um den Inhalt ging, sondern um Sendezeiten und Einschaltquoten. Es war egal, was du in diesen drei bis fünf Stunden nach 18 Uhr laufen hattest. Den Betreibern ging es nur darum, dich dazubehalten.
Warum nur drei Romane in 6 Monaten lesen, wenn man sich auch hetzen und 30 Romane lesen könnte? Ist doch völlig egal, dass man hinterher in einem Test gar nicht mehr erklären könnte, was man da eigentlich gelesen hat und wie das auf einen gewirkt hat und welche tiefergehende Meinung man formulieren könnte. Reinwürgen, rauskotzen, Klappe die nächste. Mir ist es zuerst auf goodreads aufgefallen, dass teilweise die schlechtesten Reviews von Lesern kommen, die zu viel lesen, als dass ihr Gehirn noch eine Chance hätte, mal das Gelesene sacken zu lassen. Ein gut geschriebenes Buch legt man nicht wie fast food zur Seite. Man braucht ein paar Tage, um überhaupt mal wieder ein Interesse für andere Bücher in der Welt zu entwickeln, weil man im Qualitäts-Blues kurz glaubt, man würde nie wieder so etwas erleben und es sei sinnlos, nach "Jonathan Strange & Mr. Norrell" jemals wieder etwas zu lesen.
Gerade bei der Remake-Reihe zu Final Fantasy 7 wurde mir dann aber wieder einmal klar gemacht: Es lohnt sich immer wieder, neuen Dingen von hoher Qualität eine Chance zu geben, und zwar selbst dann, wenn man meint, schon alles gesehen und erlebt zu haben. Der Grund dafür lautet: Die hohe Zahl an Musik-Alben, Filmen, Serien, Videospielen und eben auch Romanen gaukelt einem manchmal eine Hülle und Fülle vor, die so gar nicht existiert. Wenn man nicht den erstbesten mittelmäßigen Kram liest, reduziert sich die Auswahl überraschend deutlich. Und dann kann man dazu übergehen, diese kleinere, aber wie ich finde wahre Zahl an richtig guten Medien zu konsumieren. Ich habe hier zum Beispiel schon vorsorglich "Zeit der Unschuld" liegen und weiß einfach, dass der Roman vom Anlesen her besser ist, als vermutlich alles, was in den letzten 5 Jahren in der Welt veröffentlicht wurde. Es sind Romane von dieser Qualität, die im Grunde hunderte andere Romane obsolet machen und die einem den Mut zur Geduld zurück bringen. Man muss gar nicht zu den Leuten gehören, die tausende Trash-Romane von mittelmäßger bis schlechter Qualität gelesen haben. Man kann alternativ sein Gehirn einschalten und eine feine Vorauswahl treffen. Und die kann man anschließend gemütlich abarbeiten und beim Lesen kommentieren. Zum Beispiel als Lesetagebuch oder wie ich hier als Blog.
Wenn man also fünf bis zehn Romane gleichzeitig liest und keinen davon wirklich durchliest, ist die Chance hoch, dass man keinem dieser Romane eine 10 von 10 oder 5 von 5 Sternchen geben würde. Höchstens eine gute 4 von 5. Und deshalb unterbricht man diese Geschichten. Man hat in der Vergangenheit schon richtige Banger gelesen oder als Filme oder Videospiele konsumiert und verliert die Geduld vor geringerer Qualität, die damit nicht mithalten kann. Gleichzeitig verleiten einen FOMO und Statistiken und Selbst-Optimierung zu falschen Gedanken wie: Ich muss das alles noch nachholen. Aber das ist Unsinn! Und so wie ich im letzten Jahr damit angefangen habe, für gewisse Musiker und deren Alben eine Vorauswahl zu treffen, die ich dann hören kann, so werde ich eine intelligente Vorauswahl-Liste bei Romanen machen und diese dann Stück für Stück lesen. Wenn ich dann meine eigenen Lese-Tagebuch-Einträge und Reviews damit vergleiche, was andere Leser an geistlosen Drei-Satz-Kommentaren ohne vertiefenden Inhalt raushauen, kann ich wenigstens mit der Gewissheit leben, Romane so konsumiert zu haben, wie es ursprünglich mal von Autoren gedacht war: Man beschäftigt sich mit dem Roman, denkt darüber nach, schreibt eigene Gedanken dazu nieder und diskutiert den Roman vielleicht sogar noch mit anderen Lesern, die sich ebenfalls Gedanken während des Lesens und danach gemacht haben.
Mittwoch, 17. April 2024
Sacred, 20 Jahre später
Ich habe lange überlegt, ob ich überhaupt etwas zu Sacred, einem deutschen Computer-Rollenspiel aus dem Jahr 2004, schreiben soll. Die Palette der Themen ist breitgefächert, und das meiste davon, wie zum Beispiel Gameplay, Audiodesign oder der Aufbau der Weltkarte wären sicherlich interessant. Meinen Blog möchte ich jedoch mit Fokus auf Bücher und Storytelling verstanden wissen. Der Rest ist Ergänzung oder dient direkt diesem Thema. Das heißt, wenn ich mich beim Thema Zeichnen irgendwann auf Fantasy-Weltkarten einlasse, wird die Karte von Ancaria neben Mittelerde und Freunden sicherlich noch einmal Beachtung finden, wenn es darum geht, wie man eine Karte für Storytelling einsetzt. Für den Moment, und das ist meine Gefühlslage im April 2024, möchte ich auf die Geschichte von Sacred eingehen und wie sie 20 Jahre später auf mich wirkt. In Anbetracht der Tatsache, dass ich hier im Laufe der Zeit zahlreiche Fantasy-Romane lesen und rezensieren werde, beziehungsweise alte Romane wie Erdsee erneut wieder-entdecken möchte, trifft es sich ganz gut, auf Sacred einzugehen.
Im Gegensatz zu modernen Spielen, die sich immer mehr Fernsehserien annähern mit ihren durchgestylten Kamerafahren und Schauspielerleistungen, hat Sacred noch ganz altmodisch Text zu bieten. Den größten Teil der Geschichte erfährt man durch Textboxen oder indem man Schriftrollen findet und sich deren Inhalt in zufälliger, nicht chronologischer Reihenfolge durchliest. Im Gegensatz zu Spielen wie Diablo oder Path of Exile, die fast nur düstere, dunkle Landschaften der Apokalypse abbilden, ist Ancaria geographisch eine komplette Welt. Grüne Grasslandschaft in den mittleren Graden, im Süden die große Wüste, Richtung Norden dichte Wälder, Burgen und Sümpfe, und im hohen Norden gibt es eine Eislandschaft samt Klosterfeste der Seraphim. Man fühlt sich als Spieler irgendwann vertraut mit der Welt und es ist jedes Mal ein nach Hause kommen. Und anders als in Baldur's Gate 1 oder The Elder Scrolls 3 - Morrowind, die ich ebenfalls ausprobierte, ist bei Sacred das Gameplay clean und kein bisschen altbacken und frustrierend, sodass man sich auf die Geschichte einlassen kann, ohne andauernd auf die Leertaste hämmern zu müssen, damit das Spiel im Kampf künstlich pausiert wird. (Zum Glück hat sich rundenbasiertes Gameplay wie in Final Fantasy durchgesetzt und man darf beim Spielen nebenbei etwas trinken, ohne, dass man direkt im Game Over Bildschirm landet).
Was mir in diesem Jahr 2024 besonders auffiel, war der Aufbau des Plots an sich. Ein böser Zauberer beschwört einen Sakkara Dämonen herauf, die Toten steigen aus ihren Gräbern und deshalb werden Orks und Goblins in die Siedlungen der Menschen getrieben. Gleichzeitig nutzt ein böser Baron die Gunst der Stunde, um eine Rebellion gegen das Königreich zu wagen, wodurch sich die Menschen gegenseitig bekämpfen, während sie von Skeletten und Orks attackiert werden. Als auserkorener Held der Stunde wird man rekrutiert, um dem Königshaus zu helfen, Frieden zurück nach Ancaria zu bringen. Im late game darf man dann noch gegen Drachen kämpfen und muss magische Artefakte sammeln, um das Herz Ancarias für eine magische Beschwörung zusammenzusetzen.
Wie oldschool und unaufgeregt diese Art der Geschichte doch im Jahr 2024 wirkt, wo es fast immer um das Ende der Welt geht oder die ultrabösen Überdämonen schon nicht mehr ernstzunehmen sind, weil sie zu edgy und pompös dargestellt werden. Und dann habe ich noch nicht einmal erwähnt, dass es im aktuellen Zeitgeist viel um Identitäten geht, also Hautfarbe, Geschlecht, Sexualität der Protagonisten, die überdies noch eine Liste an Macken und Fehlern haben müssen, damit man sie als graue Charaktere weder sympathisch noch unsympathisch finden kann. Alles soll möglichst realistisch und vielschichtig wirken. Nach meiner Auffassung ufern diese Experimente jedoch häufig in Fragmente, Anspielungen, Mehrdeutigkeiten und letztlich Belanglosigkeiten aus.
Wie tiefenentspannt ist es da, wenn ich eine himmlische Seraphim spiele, die eine mächtige, engelsgleiche Kriegerin mit zwei Schwertern ist? Oder ich entscheide mich für die Vampirin, die keinen Hehl daraus macht, auch eine böse Seite in sich zu tragen, die sie blutrünstig und objektiv moralisch verwerflich auslebt. Wenn ich will, kann ich ganz stumpf den Gladiator spielen, den Helden mit breiter Brust und dicken Äxten, der im Kampf für alles Gute in der Welt tausende Kreaturen vernichtet. Ich fange als Held ohne Ausrüstung und Erfahrung an und entwickle mich auf dieser Reise nach und nach zu einer Art Halbgott, der die Gegnerscharen, die allesamt schlicht böse sind, besiegen darf. So stumpf und direkt das meist ist, kommt so doch jede Menge Wunscherfüllung auf. Ich entdecke legendäre Waffen und Rüstungen und darf gegen viele böse Kreaturen antreten und denen mal so richtig aufs Maul hauen. Alles zum Wohle des Friedens, hach.
Ich hatte zumindest jede Menge Spaß damit, meine Vampirin mit ihren Fledermäusen auf Skelette, Orks, Diebe, Dunkelelfen, Drachen und Dämonen anzusetzen. Und das alles ohne tiefgreifenden Seelenstriptease und ohne moralischen Kompass, denn die Spielfigur dient der Sache des Guten, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen heraus. So startet zum Beispiel die Seraphim vor einem Kloster und möchte Entführungen, Mord und Raub verhindern, während der Kampfmagier nach bestandender Prüfung endlich anfangen möchte, seinem Handwerk nachzugehen und der Gladiator wiederum deckt eine Verschwörung in seiner Arena auf und wird eher unfreiwillig in die Geschehnisse gezogen. So hat jeder Charakter seinen eigenen Start. Der Rest ist gleich: Die Gegner sind böse und müssen aufgehalten werden. Entweder gab es im Jahr 2004 noch keine ethischen Debatten darüber, ob ein Gemetzel an Orks und Goblins überhaupt in Ordnung ist und wir als Spieler das eigentlich Böse und Verwerfliche sind oder man konnte damals noch ein Wunscherfüllungs-Spiel als Fiktion klar von der Realität abgrenzen. Meine Vermutung ist, dass die schlechtere Grafik es damals einfacher gemacht hat, den Trennstrich zu ziehen. Würde man heutzutage in moderner Grafik zeigen, wie ein dunkler Priester im Folterkeller dabei ist, das Blut einer Seraphim zu vergießen, müsste es Berater und Gutachter geben. Und dennoch wäre der nächste 48h Shitstorm auf social media vermutlich vorprogammiert, weil man sich bei realistischer Grafik plötzlich erklären muss, warum da so viele Körper brutal mit Waffen durchlöchert werden und so viel Blut fließen muss. Und überhaupt die Darstellung von Nacktheit und die blasphemischen Bezüge zu Sekten und Dämonen, die religiöse Menschen sicherlich als anstößig empfinden würden.
Es mag Rollenspiele mit besserer Story geben, wie das genannte Baldur's Gate oder The Witcher. Und ja, Morrowind hat sicherlich ein noch interessanteres, wenn auch sehr spezifisch exotisches Worldbuilding als Sacred. Aber die Hauptstory konnte mich dort gar nicht abholen. Und der walking simulator, indem minutenlang nichts passiert, hat eher etwas von Eve Online mit seiner Leere des Weltraums, als von Sacred, wo man permanent in einer Art Staubsauger-Gameplay-Loop gefangen ist und mit jeder Gegnerwelle neue gute Ausrüstung erscheinen kann. Moderne Spiele wie Final Fantasy 14 oder das Franchise rund um den siebten Teil kann man gar nicht als Vergleich heranziehen. Alleine schon die Anzahl der Mitarbeiter und die Tatsache, dass solche Spiele teilweise über ein Jahrzehnt entwickelt und dann noch mit Updates weiterentwickelt werden, sorgen für eine andere Liga.
Dachte man früher zum Beispiel noch, dass ein Meilenstein wie der Herr der Ringe ein einmaliges Erlebnis sei, dass man in Sachen Umfang nie nachmachen könnte, gibt es heutzutage Spielewelten wie Guild Wars, The Elder Scrolls, Final Fantasy oder World of Warcraft. Und wie bei allen großen RPG-Spielewiesen, ob digital als Videospiel oder analog als Pen and Paper, tritt irgendwann der Beliebigkeits-Effekt von Das Schwarze Auge ein. Jede Klimazone, jeder Spielekatalog wird verwurstet, und man findet immer Wikinger, Reptiloiden, Pyramiden und Ritterburgen, Cowboys und Cthulhu Figuren, Detektive und Paladine bunt verstreut auf einer Karte, die in sich logisch keinen Sinn mehr ergibt. Jeder Spieler erfindet 'seine Geschichte' für sich selbst. Auf der einen Seite schön, auf der anderen Seite so beliebig in alle Richtungen dehnbar und manipulierbar, dass man nichts mehr dazu schreiben kann. Wozu auch? Wenn es keine klaren Konturen und Regeln mehr gibt, an die sich alle halten müssen, weil das nun einmal so vorgegeben ist, gibt es keine Reibungspunkte mehr, an denen man sich mit eigenen Meinungen abarbeiten könnte.
Wie praktisch ist da doch Sacred mit seinen klaren Vorgaben. Ich kann nicht alles beliebig machen, sondern ich muss immer einen der acht fest vordefinierten Helden wählen. Und ich muss immer Goblins, Orks und böse Schergen von DeMordrey bekämpfen und dem Prinzen Valor helfen. Ob ich nun will oder nicht. Das sind die Spielregeln, an die ich mich halten muss. Was mir beim erneuten Sacred 'zocken' besonders auffiel, war die klassische Heldenreise über eine möglichst realistisch gestaltete Weltkarte hinweg. Und ja, das Gleiche könnte ich nun auch über mein all time Lieblingsspiel Titan Quest schreiben. Vielleicht komme ich in diesem Blog irgendwann auf dieses Spiel zurück. Allerdings ist Titan Quest eher an Sagen und Mythologie angelehnt, speziell aus Griechenland, Ägypten und China. Streng genommen ist das zwar auch eine Art von Fantasy, aber ähnlich wie zum Beispiel die Nordischen Sagen, handelt es sich nicht um ein Alleinstellungsmerkmal, was es nur in diesem einen Spiel gibt. Sacred ist da anders. Während Gladiator, Waldelfin-Bogenschützin oder Zwerg mit Axt in der Erweiterung Underworld noch recht 0815 Standard Fantasy entsprechen, gibt es speziell mit Seraphim, Dunkelelf und Vampirin Charaktere, die im Jahr 2004 noch nicht ausgenudelt und Klischee waren.
Und ich entdecke hier für mich persönlich ein subjektives Ding der Jahre 2023 und 2024: Ich mag es, wenn mir die Geschichte auf Schienen vorgeben wird. Wenn ich mit Rollenverteilung und Entscheidungen leben muss, egal, wie ich das finde, entsteht ein ganz eigener Reiz. Seraphim gibt es nur in weiblich. Bestimmte Charaktere muss man im Verlauf der Handlung töten, andere Charaktere werden von NPCs getötet, weil es der Plot so möchte. Ich kann dabei nur zuschauen und mir meinen Teil denken. Die Geschichte hat einen Anfang, bei dem man von Schönblick nach Porto Vallum geschickt wird, um seinen Dienst für die Krone anzutreten. Es gibt einen Mittelteil, wo Menschen intrigieren, sich gegenseitig bekämpfen und man versucht herauszufinden, warum die Orks so aggressiv eingestellt sind. Und es gibt ein Ende, wo man als beinahe gottgleicher Held dem bösen Zauberer das Handwerk legt und den Sakkara Dämonen besiegt. Es gibt keinerlei Optionen, die Handlung zu beeinflussen, man erlebt die Story nicht über Jahre hinweg oder macht sein eigenes Projekt daraus, indem man alles nach den eigenen Vorlieben gestaltet und umschreibt. Man nimmt ein fertiges Produkt, spielt es einige Wochen lang und legt es dann zu den Akten. Man hat es beendet. In Zeiten mit 'games as a service' und Fernsehserien, die einfach immer weiter laufen, wo alles endlos lange warmgehalten wird und man sich über Jahre hinweg mit etwas beschäftigen soll, ist es ein befreiendes Erlebnis, eine sozusagen fertige Fantasywelt einmal von Anfang bis Ende zu erleben. Oder in meinem Fall: Sie nach vielen Jahren erneut zu erleben. An manche Dinge wie die große Wüste oder den Verrat des Barons am Eisbachpass erinnerte ich mich. Andere Momente des Plots hatte ich schon vergessen. Zum Beispiel den hohen Anteil an Blutpriestern und verruchten Kellerverliesen mit einschlägigen, dämonischen Opferritualen. Oder wie erhaben das Seraphimkloster gestaltet ist und was für ein Gegensatz dann das Verlies mit den Dunkelelfen darstellt. Generell hat Sacred einen recht düsteren, rabiaten und rauen Ton, der mitunter Lovecraft-Horror mit klassischer Sword & Sorcery verbindet.
Dass ich Sacred nun hier auf meinem Blog ehrenhalber erwähne, liegt aber nicht nur wie im ersten Absatz angedeut daran, dass ich zum Zeichnen lernen sicherlich auch mal Seraphim, Dunkelf und co abzeichnen werde. Ein für mich spannender Punkt ist diese gewisse Zeitlosigkeit eines zunächst simpel wirkenden Plots. Ähnlich wie beim Herrn der Ringe, bei Harry Potter oder den klassischen Final Fantasy Teilen wie zum Beispiel Teil 4 bis Teil 10, gibt es bei Sacred eine klar umrissene Heldenreise mit ihren jeweiligen Handlungsorten und dramaturgischen Momenten im Verlauf des Plots. So oberflächlich und bescheiden, bishin zu dumpfbackig simpel das manchmal erscheint, wirkt es für mich als Konsument immer noch besser, als all diese verwirrenden Metaplots, die sich mit gefühlt hunderten Charakteren über ein Jahrzehnt hinweg erstrecken und an denen ganze Gruppen von Autoren immer weiter schreiben, bis es mich persönlich gar nicht mehr interessiert.
Von daher ist Sacred ein gutes Beispiel für eine solide klassische Form von Storytelling, die in harten Konturen Bausteine aneinander reiht, die man problemlos Schritt für Schritt nachvollziehen kann. Und dieses Storytelling funktioniert 20 Jahre später immer noch. Die Heldenreise, die Orte, die guten und bösen Nebencharaktere, alles vorhanden und anwendbar. Während andere Spiele im Laufe der Zeit schlecht altern und sich deren Plot immer mehr als Unsinn darstellt, je älter man wird und je mehr Wissen man sammelt, hält die Formel von Sacred dem Lauf der Zeit stand. Und da ich weiß, dass das keine Selbstverständlichkeit ist und ich beim Wieder-Konsumieren von Medien durchaus manchmal stärker enttäuscht werde, als vorher angenommen, erwähne ich es hier auf dem Blog. Für Fantasy-Fans kann Sacred durchaus als eine klassische Plot-Blaupause dienen. Diese Blaupause ist weder überragend, noch schlecht, aber sie funktioniert und erfüllt ihren Zweck, einen Menschen über Tage hinweg in eine andere Welt eintauchen zu lassen. Ich vermerke das hier auf meinem Blog, weil das ein gesunder Gradmesser für andere Geschichten im Fantasy-Bereich ist.
Dienstag, 9. April 2024
NaNoWriMo 2023, ein Rückblick
Um mit ein wenig Infodump zu beginnen, habe ich für diesen Blogeintrag nachgeschaut, seit wann es den NaNoWriMo eigentlich gibt. Mit dem Jahr 1999 hätte ich nun nicht gerechnet. Bekannt ist mir diese Schreib-Herausforderung seit circa 2015, weil es jedes Jahr erneut auf social media die Runde macht. Geschichte, Sinn und Zweck des NaNoWriMo kann sich der interessierte Leser gerne auf der offiziellen Webseite durchlesen. Für alle anderen reicht die kurze Info: Es geht darum, im Monat November eines Jahres 50.000 Worte zu schreiben. Also in etwa 1,667 Worte an jedem der 30 Tage. Ich denke, man muss kein Genie mit kreativer Eingebung sein, um sich eine 'schreib in einem Monat so viel du kannst' Aufgabe auszudenken. Es bleibt einem selbst überlassen, ob man über solcherlei Projekte nun spöttisch lächelt oder ob man einfach mal mitmacht und die Höhen und Tiefen eines solchen Schreibmonats auf sich wirken lässt.
Nun war meine Teilnahme im November 2023 bereits mein zweiter Durchlauf nach 2021, aber die erste Teilnahme lasse ich nicht wirklich gelten. Zwar hatte ich technisch gesehen gewonnen, aber da ich eine gewaltige Erschöpfung in der letzten Woche hatte, die so weit ging, dass ich 2022 gar nicht erst daran dachte, mich erneut zu beteiligen, lasse ich 2021 für mich nicht gelten. Was war also beim zweiten Mal anders? Welche guten und schlechten Erfahrungen hatte ich gesammelt? Das möchte ich hier kurz und prägnant beleuchten. Das Wichtigste zuerst: Der NaNo funktioniert tatsächlich. Skepsis und Bedenken der Nicht-Schreiber beiseite geschoben, stehen am Ende des Monats Textmassen vor einem, mit denen man nie gerechnet hätte. Und mit dieser Euphorie wirbt der NaNo auch jedes Jahr, haut seine motivierenden Vorbereitungs-'Prep-Talks' raus und spinnt Netzwerke und sogar einige kommerzielle Produkte drumherum. Klar, natürlich geht es nicht nur um Luft und Liebe. Non-Profit-Organization hin oder her, der Nano bedient reichlich Programm für Kinder und Jugendliche im Bildungsbereich, und mit zahlreichen Zusatz-Monaten außerhalb des Novembers soll der Zirkus das ganze Jahr über warm gehalten werden. Doch mir geht es nicht um Grundsatz-Kritik, oder darum, ob der Spirit von vor über 20 Jahren mal ein anderer war. Eine Gruppe von ein paar hundert Leuten nur in den USA ist sicherlich etwas anderes, als ein globales Netz über alle Kontinente gespannt, mit zehntausenden Autoren, die alle am Nano mitschreiben.
Nach zwei NaNoWriMo-Erlebnissen gebe ich hier nun meine wesentlichen Erfahrungen weiter. Vielleicht ist das für jemanden nützlich, der selber mal am NaNo teilnehmen möchte, aber gerne vorher wüsste, was denn der Haken an der Sache ist, die negative Seite dieses Events und worauf man sich einstellen sollte. Meine wichtigster aha Moment – und gleichzeitig der Hauptunterschied zwischen 2021 und 2023 – war für mich der Einsatz des Taschenrechners. Während ich beim ersten Mal immer versuchte, alles aus den jeweiligen Schreibsessions herauszuholen, betrieb ich 2023 eine gewisse pragmatische Ökonomie. Bei 1700 geschriebenen Worten an einem Abend machte ich meist einen Cut, egal, wie fit und motiviert ich mich fühlte. Vor allem in den ersten zehn Tagen war das mein Mantra, um mich dieses Mal nicht zu früh zu verausgaben. Und siehe da, 2023 hing ich in Woche 4 nicht in den Seilen, sondern konnte einen Endspurt hinlegen.
Da ich im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen mit Depressionen lebe und daher sehr gut auf meine körperliche und mentale Energie achten muss, probierte ich 2023 zusätzlich einen Fokus auf Schlafhygiene aus. Das Resultat waren äußerst wertvolle, ein bis zwei Stunden dauernde Power-Naps zwischen Schreibsessions. Ich bin vom Chronotyp her eine Nachteule und bin selbst unabhängig davon meist am spätend Abend kreativ veranlagt. Die Ruhe und Atmosphäre am Abend beeinflusst und inspiriert mich. Aufgrund meiner Verfasstheit kann ich nicht wie andere Menschen 6 Stunden und länger ununterbrochen schreiben. Das würde mich nach spätestens drei Tagen erschöpfen. Und 2021 war meine Erfahrung ja auch so mies, dass ich dachte, der NaNo ruiniert zwangsläufig die Gesundheit. Dieses Mal probierte ich mit Hintergedanken an die Pomodoro-Technik kleinere Schreibblöcke mit Pausen dazwischen aus. Vom Gitarre üben ist mir das gut bekannt, da es für das Gehirn und auch die Hände besser ist, eine halbe Stunde vernünftig zu trainieren, als stundenlang vor sich hin zu spielen und keinen Lerneffekt zu haben.
Aber natürlich ist es ein Unteschied, ob man 30 Minuten lang 4 bis 6 Takte Noten spielen übt oder ob man eine oder mehrere Szenen inklusive Dialogen und Action schreibt. Man muss einfach mehr Zeit aufwenden. Und bei mir pendelte sich ein goldenes Maß ein von circa 2 bis 2,5 h Schreiben, 1 bis 1,5 h Pause und dann nochmal schreiben. Und wenn ich bei 1700 Worten war, konnte ich für den Tag Schluss machen. Was dabei glücklich und zufrieden macht, ist der Moment, wenn man sich einmal pro Tag auf der NaNo Webseite einloggt und die Wortanzahl aktualisiert. Die Zahlen lügen ja nicht. Dummerweise wird einem dann schnell angezeigt, wie viel noch fehlt, und gerade, wenn man nach Mitternacht die Updates einstellt, wird bereits der Folgetag mit einberechnet und die Seite zeigt direkt die fehlenden 1,667 Worte vom nächsten Tag an und der Graph stürzt nach unten ab. Für solche Momente muss man Nerven haben.
Da ich bislang nur alleine an der Challenge mitgemacht habe, kann ich nichts dazu schreiben, wie sich der NaNo als Gruppen-Event anfühlt. Allerdings behaupte ich frech, dass gerade das Tunneln und das Ignorieren aller anderen Menschen mit ein Grund dafür ist, warum man sein Wortziel überhaupt schafft. Ganz bewusst vermied ich social media, Twitch Streams und ähnliche Zeitfresser. Mit dieser Routine war es dann kein Problem, mal zwei oder drei Tage lang meine Schreibsessions zu jonglieren. In der Weihnachtszeit muss man hin und wieder abends beim Plätzchenbacken helfen, da musste ich also am Vormittag schreiben. Zwar nicht optimal für mich, aber wenn man circa 25 Tage in der Abend-Komfortzone war, gehen die Ausnahmen gerade so klar.
Bereits 2021 hatte es sich als Schlüssel erwiesen, während des Monats nicht die Qualität des Geschriebenen zu hinterfragen. Das kann man sich dann mit Pause über den Dezember im Januar und Februar noch einmal anschauen. Und nein, der NaNo produziert keine perfekten Texte, man muss Vieles nachbearbeiten. Doch zumindest hat man Textmassen geschrieben, denen man später Feinschliff verpassen kann. Die Taktik ist auch ganz simpel: Einfach nicht lesen, was man am Vorabend geschrieben hat. Einfach weiter machen und jeden Tag isoliert angehen. Es motiviert zusätzlich, wenn man von 30 Tagen runterrechnet, und sieht, dass es immer weniger Tage werden, die man durchstehen muss. Allerdings führte das bei mir nun zweimal dazu, dass ich im Dezember dann gar nichts mehr geschrieben hatte, weil es sich so anfühlte, als sei man 'fertig' mit etwas. Die Illusion einer Zielflagge ist zwar hübsch, um zu starten, aber sie ist ein Hindernis, wenn man regelmäßg zu schreiben beabsichtigt. Ich weiß auch noch nicht, ob ich 2024 mitmache oder ob ich meine eigene Herangehensweise nutze, um eben den Oktober und Dezember mit einzubinden und den November entspannter anzugehen.
Während ich also das Nicht-Beachten der Qualitätsfrage kannte und mehr auf Schlaf und Energie achtete, stellte sich 2023 während des Novembers erfreulicherweise ein ganz neuer Nebeneffekt ein: Das Herumspringen im Manuskript. Wenn man mit mehreren Kapiteln arbeitet, einfach mal an einem Abend in Kapitel 2 schreiben, dann 7, dann vielleicht 12, zurück zum Anfang des Textes, dann mal eine Lücke füllen. Im Grunde wie beim Puzzeln oder beim Ausmalen von Flächen. Man erspart sich Langeweile, die aufkommen kann, wenn man sich zwingt, alles immer nur chronologisch von Anfang bis Ende aufzuschreiben. Man liest die Resulate sowieso erst später, also kann man ruhig kreativ durchwechseln. Hauptsache, man denkt daran, immer bei circa 1700 Worten in den ersten zwei Wochen die Schreibsessions zu beenden. Und in der letzten Woche möchte man sowieso möglichst schnell fertig werden, um sich vielleicht ein bis zwei Tage weniger zu quälen. Und so überwindet man seinen inneren Schweinehund und schafft in Woche 4 Leistungen, an die man vorher nicht geglaubt hätte.
Montag, 8. April 2024
Etwas endet, etwas beginnt
Das Rad der Zeit dreht sich, Dinge geschehen, und wir sind alle nur Puppen in einer Welt, die niemand so ganz durchschauen kann. In diesem Sinne entsteht erneut, wieder einmal oder doch nur vorübergehend, ein neuer Blog, wer weiß, wer weiß. Die Fäden des Schicksals sind mächtig. Und wer gestrandet an neuen Ufern, ohne Schiff und Mannschaft und legendäre Ausrüstung erneut die ersten Schritte wagt, sollte nicht allzu kühne Gedanken in den Wind werfen. Das klingt hochtrabend, doch warum nicht nach den Sternen zielen, wenn hier unten am Boden das bunte Treiben des Lebens, dieses endlos erscheinende Spiel, so schnell vorüberzieht?
Wieder einmal präsentiere ich Lesern meine Texte. Macht es gut, diverse Foren dieses Internets, und Adieu Tagebuch, du musst ein wenig ohne mich auskommen, denn ich werde manche Gedanken nun hier unterbringen. Und was ist dieses 'hier'? Ich mache es kurz und schmerzlos und stelle die Idee und den Inhalt hinter diesem Blog "Feder und Fasan" vor. Das nur, damit wir alle über meine Vorstellungen und Ziele in ein paar Jahren im Rückblick lachen können. Der Schwerpunkt des Blogs soll vorwiegend auf Büchern liegen. Klassiker der Weltliteratur, Krimis, Fantasy und Science Fiction. Während das umfangreiche Lesen von Klassikern erst ein jüngeres Hobby von mir ist, gehe ich mit Fantasy zurück zu den Wurzeln. Das erste Genre, welches mich zu einem hardcore Leser machte, damals, bevor social media und die letzten circa 8 Jahre politische Verschiebungen nach rechts in der Welt, die Aufmerksamkeitsspanne massiv störten.
Ich hatte schon einmal einen Blog damals, er hieß, so meine ich mich zu erinnern, Kunstmut. Neben diversen Schreibratgeber-Tipps und einigen Reviews zu Filmen und Büchern hatte ich auch einige sehr intime 'lass mich über Kraut und Rüben philosophieren' Momente. Mein Schreibstil war damals schon sehr gut, aber mir fehlte es an mehr kernigen und glasklaren Inhalten. Indem ich den Fokus auf die genannten Buch-Genres lege und hoffentlich genug Reviews auch auf goodreads rüberkopieren kann, ist dieses Mal die Kontur deutlicher zu erkennen.
Das soll jedoch freilich nicht alles sein. Meine Erfahrung mit diversen Foren und social media hat mir in den letzten Jahren gute Einblicke gegeben, was Menschen in ihren Leben machen und denken. Ich konnte so für mich herausfinden, was mir daran gefiel, was ich positiv erfasste und mit auf meinen Weg nahm, und ich erhielt Einblicke in vielerlei Dinge, die mich geradezu abstießen und teils negativ frustrierten. Es hat seine Gründe, warum ich jetzt wieder vorwiegend auf Einbahnstraße schalte. Gewiss, man kann immer noch mit mir über den einen oder anderen Kanal kommunizieren. Für den Moment halte ich noch das kleine Feuerchen auf Twitter/ X am laufen. Aber ich schätze, hier werde ich vorerst keine Kommentarfunktion einschalten. Ich liebe Diskussionen, aber um selber auf meinem Weg voran zu kommen, bricht jetzt das Jahrzehnt des Inhalts an. Ewige Sinnsuche und wohlmeinender Streit, das war 2014 bis 2024. Jetzt beginnt das Jahrzehnt, indem ich in die Tiefe abtauche.
Zunächst einmal werde ich viel mehr lesen und endlich auch mal wieder Bücher durchlesen und kritisch durchdenken. Goodreads sagt, dass ich aktuell bei circa 170 gelesenen Büchern stehe. Diese Zahl würde ich gerne auf 250 erhöhen. Und dann schaue ich weiter. Erfahrungen mit Literatur-Plattformen haben mir gezeigt, dass fast alles subjektives Empfinden ist. Sofern man Meinungen und Vorstellungen hat, werden immer Menschen widersprechen oder sich empören. So viele Adjektive wurden bereits gegen mich verwendet, dass ich vieles bereits wieder vergessen habe. Es spielt am Ende des Tages sowieso keine Rolle. Was kümmert es Leser, wenn sich die Kreativen gegenseitig mit Schwert und Schild rhetorisch duellieren? Man kann durchaus so einiges Wertvolle lernen und in Erfahrung bringen, wenn man sich mit Menschen unterhält, die ein ganz anderes Weltbild haben als man selbst. Diese Erfahrungen möchte ich auch nicht missen.
Gleichwohl ist das Leben endlich und den eigenen Geschmack, die eigenen Vorstellungen und Ziele muss letztlich jeder für sich selbst abstecken. Ich habe ein klares Bild, was ich gerne lese und in welchem Stil und welchen Genres ich als Autor literarisch schreibe. Wie ich das hier auf dem Blog einbinde, weiß ich noch nicht. Aber früher oder später will ich die Zahl meiner Kurzgeschichten auf zehn erhöhen (dann fünfzehn und so weiter). Und meine diversen angefangenen Roman-Manuskripte werden sorgfältig von mir durchgesehen, überarbeitet und dann zu Ende gebracht. Man mag es als Arroganz werten, dass ich das Interesse daran verloren habe, mir Anfänger-Texte von minderwertiger Qualität durchzulesen. Das war einmal in meinen Zwanzigern. Damals gab es aber auch noch Plastikstrohhalme. Die Uhr tickt, Fasan zieht weiter, der Sultan hat Durst.
Falls der Blog funktioniert, wie ich mir das vorstelle, werde ich noch zwei weitere Sachen mit einpflegen. Neben dem literarisch hochgegriffenen Zeug. Zum einen übe und spiele ich seit über zehn Jahren Gitarre. Und seit mindestens acht Jahren übe ich auch immer wieder singen und spielen gleichzeitig. Diese Ausflüge in Blues, Folk und Irish wollte ich schon länger dokumentieren. Hin und wieder habe ich auf youtube Demos hochgeladen. Besseres Lernmaterial für die klassische Gitarre hat jetzt jedoch viel geändert. Qualität und Anspruch auf Qualität, zwei Perspektiven, die für mich in den letzten zwei Jahren immer wichtiger und wertvoller wurden. Ich möchte das disziplinierter angehen. Und die Früchte der harten Arbeit werde ich uploaden und dann kann sich der geneigte Leser das gerne anhören.
Die dritte Sache im Bunde ist mein neuestes Projekt für 2024. Ganz frisch und aus einem simplen Gedanken geboren: Wenn all die Zeichner und Artists auf Twitter, Twitch, Youtube und so weiter sagen, dass es nicht um Talent geht, sondern um Training, dann, ja, dann sollte ich nach 300h üben ja logischerweise Fortschritte sehen. Ich liebe Zeichnungen im Manga-Stil, mag aber auch Bleistift-Zeichnungen von Gebäuden wie Burgruinen. Wenn ich auch hier fleißig übe, kann ich nach und nach Zeichnungen und den kreativen Prozess dahinter erläuternd kommentieren. Der Schwerpunkt wird jedoch bei meinen gelesenen Büchern liegen und was ich subjektiv-emotional dazu zu schreiben habe. Bei den tausenden guten Romane da draußen, sollte mir der Stoff für diesen Blog nicht ausgehen.
Die Legende vom Tränenvogel - Band 1 - Lee Young-Do
Das ist der erste südkoreanische Fantasy-Roman, den ich lese, aber er erinnert mich an einen 1980er Jahre Actionfilm mit Charles Bronson in ...
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